Ein Artikel in Interviewform:
Jürgen Obst, Geschäftsführer und Schulleiter des BTB Bildungswerk für therapeutische Berufe,
interviewt
HP Rolf Meyer, Koordinator des German-OpenRep-Projektes
Worauf basiert das OpenRep?
Das OpenRep-PC-Programm basiert auf der Originalausgabe von Kents Repertorium. Diese Originalausgabe unterliegt mittlerweile nicht mehr dem Copyright und kann somit allen Homöopathen, Studierenden und Interessierten kostenlos zugänglich gemacht werden. Das PC-Programm selbst ist “Open-Source”, kann also frei heruntergeladen und genutzt werden. Voraussetzung hierfür ist, dass der Nutzer seinerseits nicht damit gewerblich handelt und Profite damit erwirtschaftet.
Wer ist Urheber des PC-Programms?
Der slowakische Programmierer und Homöopath Vladimir Polony. Er ist außerdem studierter Ökonom und wird die Verwertungstechnikmaschinerie der Verlage und IT-Firmen gut kennen. In Interviews hat Polony die Meinung geäußert, dass die Homöopathie von diesen Verwertungsmechanismen befreit werden sollte.
Ich persönlich habe die gleiche Ausbildung als Ökonom und Homöopath durchlaufen wie Herr Polony und kann ihm nur zustimmen. In verschiedenen Artikeln in meinem Blog habe ich mich mit dieser Problematik beschäftigt und sehe die Homöopathie mittlerweile in Mitleidenschaft gezogen.
Inwieweit wird die Homöopathie in Mitleidenschaft gezogen?
Häufig erscheinende Neuausgaben von Repertorien mit jeweils wechselnden Einteilungsstrukturen und die Hinzunahme von Symptomen aller möglichen weiterer Homöopathie-Autoren erzeugen eine diffuse Landschaft von scheinwissenschaftlichen Abhandlungen.
In den sogenannten “großen” synthethischen Repertorien wie dem Synthesis oder dem Complete-Repertorium ist es mittlerweile zu erheblichen Indifferenzen bei vielen Symptomennennungen gekommen. Da finden sich dann beispielsweise Mittel, die bekanntermaßen auf der rechten Körperseite stärker als auf der linken wirken – und umgekehrt – in dreifacher Wertigkeit auch auf der anderen Seite genannt werden. Das soll nur als ein Beispiel unter vielen gelten.
Dann kommen die verschiedenen PC-Programme, die wiederum nicht mit den Repertorien in Buchform übereinstimmen und ihrerseits nach Gewinnmaximierungsrichtlinien in immer schnelleren Abständen eine Versionsaktualisierung erfahren. Natürlich unterscheidet sich die alte Version dann von der neuen.
Was bleibt für ein Eindruck über die Homöopathie?
Zig auf dem Markt befindliche Systeme und Buchversionen erzeugen ein wirres Bild.
Fachdiskussionen über Fälle sind nur noch schwer möglich, ein Jeder kommt auf andere Ergebnisse. Den Skeptikern unter den Medizinern kann dies nur Recht sein, ist für sie diese Beliebigkeit im Ergebnis doch ein Beweis für die mangelnde Wissenschaftlichkeit der Homöopathie.
Sie übernehmen für das OpenRep-PC-Programm die Übersetzung der Originalausgabe des Kent-Repertoriums in die deutsche Sprache. Welcher Aufwand ist damit verbunden und warum fühlt Sie sich das BTB dafür verantwortlich?
Das German-OpenRep-Team besteht aus mehreren Studenten, die sich für das Projekt in ihrer freien Zeit zur Verfügung stellen. Wir rechnen beim BTB mit 6-8 Monaten Arbeit und mit einem nicht unerheblichen finanziellen Aufwand.
Warum macht das BTB das? Im Laufe der letzten Jahrzehnt haben wir etliche Therapeuten ausgebildet und sind stolz darauf, einen so wichtigen Beitrag für die Homöopathie geleistet zu haben. Sicherlich hat das BTB damit auch Geld verdient. Wir möchten der therapeutischen Gemeinschaft etwas zurückgeben. Wenn wir diese Aufgabe nicht stemmen können, wer dann (dann bräuchten wir einen deutschen Vladimir Polony – und solche Leute sind wirklich rar gesät!).
In dem deutschen OpenRep wollen Sie sich auf das Kent-Repertorium beschränken – warum? Hat Ihr englisches Pendant nicht sogar mehrere Repertorien integriert?
Das Kent-Repertorium reicht doch vollkommen aus. Das Werk beinhaltet fast 70.000 Symptome und zählt mehr als 600 Arzneimittel auf. Warum denn noch andere Werke wie z.B. das Boenninghausen-Repertorium mit hinzunehmen? Schlagen Sie doch in den großen lokalen und den allgemeinen Rubriken im Kent nach, dann haben Sie die Symptome nach Boenninghausen.
Und was, so glauben Sie, wird das Erscheinen des German-OpenRep bewirken?
Ich persönliche glaube und hoffe, dass dieses kostenlose Repertorisationsprogramm endlich wieder einen Standard schafft, an dem sich alle orientieren können. Zum professionellen Repertorisieren ist das Programm sehr gut geeignet.
Ein Nachteil des Original-Kents ist ja bekanntermaßen seine nicht immer durchgängig eingehaltene Einteilungsstruktur der Symptome. Aber das wird wettgemacht durch die komfortable Suchfunktion des Programms.
Das Erscheinen des Programms wird wahrscheinlich zu einigen Umwälzungen in der Homöopathieausbildung führen. Schriftliche Repertorien werden nicht mehr benötigt, da sich ein Jeder das German-OpenRep-Programm kostenlos herunterladen und damit arbeiten kann. Eine Gefahr sehe ich darin, dass Lernende dazu neigen könnten, durch die bequeme PC-Nutzung die Hierarchisierung der Symptome außer Acht zu lassen. Aber darauf werden sich die Ausbildungsinstitute mit Sicherheit einstellen und die notwendigen didaktischen Anpassungen vornehmen können.